Urlaub einmal anders: Ich habe die Alpen überquert

Natürlich nicht alleine, keine Angst, sondern mit einer Wandergruppe unter einer ausgebildeten Bergführerin mit organisierten Transfers und – man möge mir das nachsehen, es war ja das erste Mal – mit Übernachtungen im Hotel, wobei uns das Gepäck abends immer gebracht wurde.

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Die Weichei-Nummer, wie jemand das durchaus zutreffend ausgedrückt hat. Die echte Nummer bedeutet, dass man von Hütte zu Hütte wandert und in den Hütten übernachtet. Die Hütten werden bewirtschaftet, sind aber eher noch unter Jugendherbergsniveau angesiedelt, ungeheizt, mit großen Schlafräumen und Bettzeug, das alle benutzen. Ich wusste es einfach nicht genau, wie anstrengend die Wanderung von Oberstdorf nach Meran werden würde, wie ruhebedürftig ich dann wäre, und vor allem, wieviele Sachen man wirklich braucht, was nötig ist und was nicht, wie wichtig mir Duschen sind und was der Fragen noch mehr sind. Daher schien es mir der sichere Weg, erstmal die komfortable Variante zu buchen. Wobei diese sich in anderer Hinsicht als weit weniger komfortabel erwies als die Hüttentour: Wo diese neun Tage unterwegs sind, waren es bei uns nur sechs, und das bedeutet weit längere Tagestouren mit Aufstiegen von bis zu 1200 Höhenmetern und Abstiegen bis zu 1400 Höhenmetern. Denn die Strecke, die gewandert wird, ist die gleiche. Die Hotelleute starten in der Regel im Tal, wandern hoch, machen Mittag und wandern dann wieder hinunter, während die Hüttenleute oben starten, absteigen, im Tal Mittag machen und dann zur nächsten Hütte wieder aufsteigen. Denn – das war mir nicht so klar, deswegen betone ich das nochmal – der E5-Wanderweg über die Alpen überquert von Oberstdorf nach Meran sechs Höhenzüge der Alpen, wir sind bis zu über 3000 Meter aufgestiegen und teils in meinen Augen halsbrecherische Steige gegangen, obwohl es ohne Anseilen und ohne Steigeisen ausgelobt war.

Soweit die harten Fakten. Wer sich Fotos im Internet anschaut, sieht tolle Blicke, wunderschöne Berge, glückliche Wanderer. Und kann doch die tiefe Freude nicht erfassen, die mich in den Bergen ergriffen hat. Ich liebe die Berge sowieso, wir Schamaninnen nennen sie gerne Apus, eine unserer wichtigen Initiationen sind die Berghüter-Riten, ich gehe liebend gerne Skilaufen und Wandern. Aber mit der klaren Intention, die Alpen zu überqueren, eine solche Woche zu starten, das verändert das Berggefühl beträchtlich. Die leichte Beklommenheit, ob ich das denn nun alles auch schaffe und fit genug bin, ob der neu erworbene und nach Packliste ausgestattete Rucksack denn richtig und nicht doch zu schwer sei, ob die ebenfalls neu erworbenen Wanderschuhe nicht drücken und was der vielen Fragen mehr sind, war nach dem ersten gut überstandenen Wandertag verschwunden. Gekommen ist ein so unfassbar tiefes Glücksgefühl, in den Bergen zu sein, dort hinzugehören, zu Hause zu sein, bleiben zu können, dass ich es morgens gar nicht erwarten konnte, aus dem Bett in die Wanderstiefel zu springen und mir den Rucksack umzuwerfen. Das Gefühl steigerte sich mit jedem Wandertag, ja, es wurde immer selbstverständlicher.

Als wir nach einer Woche in Meran ankamen und mitten in der Stadt übernachtet haben, fühlte ich mich wie Falschgeld. Was hatte ich da in diesem Chaos zu suchen? Was machen die Leute da alle? Wozu soll ich in Läden gehen? Wo sind die Berge, wo sind meine Stiefel?

Und als ich dann nach Hause kam, hat es Wochen gedauert, bis ich morgens nicht mehr traurig war, dass ich keine Wanderstiefel anziehen und keinen Rucksack umwerfen würde, um sofort in die Berge aufzubrechen. Ganz bin ich aus den Bergen nicht zurück gekehrt, und das ist ja vielleicht auch gut so. Jedenfalls brechen wir gerade zu einem letzten Wanderwochenende am Oberjoch auf, mit unserer geliebten Bergführerin und großer Vorfreude.

Und nächstes Jahr gehen wir von Meran nach Riva am Gardasee. Ja, mit ebendieser Bergführerin, die eine Freundin geworden ist.

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